eBetriebsrat

Blogs und Web 2.0 in der Betriebsratsarbeit: Chancen und Risiken

Posted on: 19. Oktober 2010

Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.
(Georg Christoph Lichtenberg)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

bevor ich mich in diesem Posting mit Web 2.0 und Blogs in der Betriebsratsarbeit beschäftige, möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Christian Pischlöger und ich bin Betriebsratsvorsitzender Stellvertreter bei der Firma Austroport am Flughafen Wien. Seit bald einem Jahr sind wir mit unserem BR-Blog und unserer Facebookseite online.

Im September 2010 habe ich mein berufsbegleitendes Studium der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen abgeschlossen, der (Unter)Titel meiner Abschlussarbeit war Chancen und Risiken von Web 2.0 und Weblogs in der Betriebsratsarbeit (mehr dazu im Anhang an dieses Posting).

Christian Voigt hat mich – bereits vor einiger Zeit… – gebeten an dieser Stelle ein kurze Zusammenfassung der wichtigsten Resultate dieser Arbeit zu posten. Und dieser Bitte komme ich natürlich gerne nach. 🙂 

Was motiviert BetriebsrätInnen zum Bloggen?

Unser Motiv war grundsätzlich eine Kommunikationsmöglichkeit für alle Standorte zu schaffen. (ein/e BR-Blogger/in)

Wir wollten eine weitere Informationsschiene bekommen, einerseits um Infos aus dem BR-Büro schnell und ohne alle zumailen zu müssen (dabei erreichen wir per Mail max. ¼ der KollegInnen) an die KollegIn zu bekommen, andererseits eine Diskussionsplattform zu haben um gegebenenfalls aktuelle Probleme diskutieren zu können, stammtischartig, weil sich viele so selten sehen, weil unsere Einrichtungen so zersiedelt sind. (ein/e BR-Blogger/in)

Die meisten Betriebsrats-Blogs entstanden vor ca. zwei oder weniger Jahren nach dem Besuch eines Blog-Seminars, das von ÖGB bzw. GPA abgehalten wurde. Zu den Motiven dafür befragt gaben BetriebsrätInnen folgende Gründe an:

  • Immer mehr spielt sich im Internet ab, das zeigen z.B. die Zugriffszahlen auf die BR-Homepage
  • Schaffung eines Podiums, um die Tätigkeit des Betriebsrats darstellen zu können und transparent zu machen
  • eine „weitere Informationsschiene zu bekommen, einerseits um Infos aus dem BR-Büro schnell und ohne alle zumailen zu müssen (dabei erreichen wir per Mail max. ¼ der KollegInnen) an die KollegIn zu bekommen, andererseits eine Diskussionsplattform zu haben um gegebenenfalls aktuelle Probleme diskutieren zu können, stammtischartig, weil sich viele so selten sehen, weil unsere Einrichtungen […] so zersiedelt sind“
  • „eine Kommunikationsmöglichkeit aller Standorte zu schaffen“
  • mit einem modernen Kommunikationsmittel eine hohe Erreichbarkeit der MitarbeiterInnen zu erzielen. Zeitgemäß, tagesaktuell, kostengünstig und ohne großen Zeitaufwand
  • aufgrund der Betriebsgröße sind E-Mail und persönliches Gespräch allein zu wenig
  • Blogs bieten mehr und bessere Gestaltungsmöglichkeiten als Mails und belasten die Mailboxen nicht

Chancen von Blogs und Web 2.0

Es werden dadurch offene Gespräche möglich, wo auch unangenehme Dinge angesprochen werden, die der Arbeitgeber gar nicht ansprechen will. (ein/e BR-Blogger/in)

Durch besseren Wissenstand der MitarbeiterInnen tun sich aber einige Führungskräfte etwas schwerer, denn die Mitarbeiter sind „mündiger“. (ein/e BR-Blogger/in)

Unter den Chancen, die Blogs und Web 2.0 bieten, wurden von den Befragten folgende genannt:

  • einfache Handhabung
  • kein besonderer Aufwand notwendig, ein Computer und Internetanschluss reicht
  • Fehler können sofort – nach Erkennen, teilweise durch MitarbeiterInnen – ausgebessert werden
  • öffentliche „Datenbank“: Synchroner und diachroner Informationsaustausch mit anderen MitarbeiterInnen und BetriebsrätInnen
  • Möglichkeit der Speicherung und Zugänglichmachung nahezu unlimitierter Informationsmengen (Blog als Web-CMS)
  • zeitliche Unabhängigkeit und Flexibilität
  • gute und schnelle Erreichbarkeit von KollegInnen, unabhängig von Zeit und Ort. Dies ist besonders bei Betrieben mit unterschiedlichen Standorten und/oder Schicht- bzw. Teilzeitarbeit wichtig
  • Flexibilität und Schnelligkeit im Vergleich zu Flugblättern oder Artikeln in Printmedien
  • relevant gefilterte Informationen aus externen Medien wie ÖGB, AK, Ministerien, Kammern etc.
  • Informationsaustausch mit ÖGB/GPA und AK, daher Gewährleistung der korrekten Darstellung der Gesetzeslage
  • Verknüpfung mit anderen Social Media, Information durch Abonnements anderer Blogs und Internet-Medien (mittels RSS– oder Atomfeeds)
  • Möglichkeit der „Onlineteilnahme an Solidaritätsaktionen“.

Risiken von Blogs und Web 2.0

Infos sind schnell draußen und wenn die Vernetzung klappt auch wenn notwendig öffentlich. Das kann strategische Nachteile bringen, wenn Probleme „intern“ mehr Lösungskraft gehabt hätten und durch die Öffentlichkeit die Fronten verhärtet sind.

Agressiv geführte Blogs werden auf negative Reaktion der Geschäftsleitung stoßen, unter Umständen auch bei den Kollegen. Zu „zahme“ Blogs werden möglicherweise langweilig und gehen am Kern der Sache vorbei. Es ist wie bei Journalisten; die Beiträge müssen interessant und kurzweilig gestaltet werden, Kritik sollte mit „feiner Klinge“ geführt werden. Das Risiko hängt daher vom Geschick des jeweiligen Autors ab.

Alle befragten BR-Blogger betreiben ihre Blogs öffentlich, d.h. weder passwortgeschützt oder im Intranet, noch vor Suchdiensten wie z.B. Google verborgen. Mit der Öffentlichkeit der Blogs sind verschiedene Risiken verbunden, wie z.B.:

  • Verletzungen des Datenschutzes
  • Verletzungen des Urheberrechts (Bilder und Texte)
  • Verletzungen der Privatsphäre und der Personenrechte (Bilder und Namensnennung)
  • Verletzungen der gesetzlichen Verschwiegenheitspflicht des Betriebsrats (Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen)
  • Gefahr von Fehlinterpretation von (unkommentierten) Gesetzestexten durch Laien
  • Informationen sind, wenn sie erst einmal in der Öffentlichkeit sind, nicht mehr aus der Welt zu bringen. Das kann zu strategischen Nachteilen führen
  • Anfeindungen von Betriebsrats-KollegInnen, MitarbeiterInnen und/oder Geschäftsführung
  • „persönliche Angreifbarkeit“ von bloggenden BetriebsrätInnen
  • inadäquate Kommentare von MitarbeiterInnen, die sich zum Teil selbst damit schaden können.

Facebook, Twitter etc.

Facebook ist ein weiterer Informationskanal mit Fun-Faktor. (ein/e BR-Blogger/in)

Wir lehnen im Allgemeinen Twitter bzw. Facebook als überwiegend nervtötendes, zeitraubendes, narzisstisches, manchmal unkorrigierbar vorurteilsvolles, und vom Arbeitgeber leicht persönlichkeitsausspionierendes Medium ab. (ein/e BR-Blogger/in)

Bei der Verwendung anderer Web 2.0 Anwendungen scheiden sich die Geister. So wurde z.B. Facebook als weiterer Informationskanal „mit Funfaktor“ durch die Verbindung zum Blog über NetworkedBlogs geschätzt. Für andere ist Facebook nicht geeignet, da nicht alle – wenn auch viele – Facebook-User sind und weil diese Plattform „für «interne» Probleme doch zu öffentlich“ sei. Ein/e Befragte/r beurteilte Facebook sehr kritisch: „Wir lehnen im Allgemeinen Twitter bzw. Facebook als überwiegend nervtötendes, zeitraubendes, narzisstisches, manchmal unkorrigierbar vorurteilsvolles, und vom Arbeitgeber leicht persönlichkeitsausspionierendes Medium ab.“ Dass das Engagement in mehreren Social Media zeitlich sehr belastend sein kann, äußerte ein/e weitere/r Befragte/r.

RSS-Feeds werden von mehreren KollegInnen verwendet, um „betriebsrelevante Info von anderen Medien zu bekommen“ oder um neue Artikel aus dem Gewerkschafts- und Betriebsratsumfeld geliefert zu bekommen. Zwei Befragte gaben an Presseaussendungen via APA-OTS abonniert zu haben.

Andere Betriebsrats-Blogs werden – mehr oder weniger – von regelmäßig bis gelegentlich beobachtet, um „Aufbau, Strategie, Methoden, Form und Inhalte mit dem eigenem Blog zu vergleichen“, um sich auszutauschen, die Probleme anderer Betriebsrats-Körperschaften kennen zu lernen, um Ideen zu holen und eventuell Beiträge zu kopieren oder sogar einen Kommentar zu hinterlassen (letzteres wurde von einem/einer Befragten angegeben).

Lediglich einmal wurde geäußert, dass für eine systematische Beobachtung einerseits die Zeit fehle, andererseits Web 2.0 noch ziemlich kurz in der Betriebsratsarbeit verwendet werde und daher viele Möglichkeiten noch unbekannt wären. Allerdings würden über die Plattform eBetriebsrat – ja, wirklich! 🙂 – andere Blogs, wenn auch unsystematisch und unregelmäßig, verfolgt.

Resumé

„Uns gibt’s auch!“

„Es ist ein zusätzliches Instrument und jede Erweiterung kann nur förderlich sein. Ein persönliches Gespräch oder ein Telefonat kann nicht ersetzt werden. Ein Blog lebt und muss durch Arbeit am Leben erhalten werden. Wenn eine Krise kommt, dann wurde bereits vorgebaut. Wenn die Krise kommt, dann steht unser Blog bereits da!“

Web 2.0 und Blogs bieten eine hervorragende Möglichkeit die Kommunikation zu verbessern und die Betriebsratsarbeit transparenter zu machen. Die klassischen Mittel der innerbetrieblichen Kommunikation (persönliche Gespräche, Betriebsversammlungen, Schwarzes Brett, Flugblätter etc.) erhalten so eine effiziente Ergänzung. Web 2.0 und Social Media ergänzen aber nicht nur die klassische Kommunikation, durch ihre Flexiblität und Schnelligkeit steuern sie auch einen Mehrwert zur Betriebsratsarbeit bei. Die externe Kommunikation lag bis vor kurzem noch (beinahe) völlig in der Hand der Geschäftsleitung und des Managements. Durch den Wegfall der klassischen Gatekeeper kann jeder (Betriebsrat) heute seine Standpunkte öffentlich und für alle sichtbar im Internet vertreten.

RSS–  bzw. Atom-Feeds und/oder Newsletter erleichtern die Weitergabe von Information an die MitarbeiterInnen, die „Bringschuld“ wird so zur „Holschuld“. RSS, Atom, Newsletter, Pingbacks bzw. Trackbacks sorgen aber auch dafür, dass eine Betriebsrats-Blogosphäre entsteht, in der sich BetriebsrätInnen miteinander, aber auch mit Interessensvertretungen der ArbeitnehmerInnen (AK, Gewerkschaften), vernetzen.

Die Risiken des Internets (s.o.) sind bekannt und müssen beachtet werden, können aber nicht als Argument gegen Web 2.0 in der Betriebsratsarbeit dienen. Ebenso wenig sollte die technische Seite ein Problem darstellen, denn die zweitägigen Seminare z.B. des ÖGB oder der GPA-djp reichen in der Regel vollkommen aus, um es selbst vollkommenen Anfängern zu ermöglichen einen Blog selbstständig zu führen. Technikaffinere können sich die grundlegenden Techniken auch im Selbststudium aneignen. Wohl keiner der Befragten ist den digital natives zuzurechnen, es handelt sich um BetriebsrätInnen mit – zum Teil – langjähriger Erfahrung, die Web 2.0 benutzen, um Inhalte an ihre LeserInnen zu bringen. Und nicht um nerds, die sich an der „neuen“ Technik um ihrer selbst ergötzen.

Von der inhaltlichen Seite sind die Zielgruppen zu beachten. Je nach innerbetrieblichem Klima können sich verschiedene Zielgruppen im Fokus der betriebsrätlichen Kommunikationsarbeit befinden: die MitarbeiterInnen und KollegInnen im Betriebsrat, die Geschäftsführung, im Fall von Arbeitskonflikten auch die Öffentlichkeit. Zu beachten sind auch die unterschiedlichen Lesegewohnheiten, sie reichen vom Bevorzugen „klassischer“ –  relativ langer und ausformulierter – Texte bis zur schnellen Info in ein paar Worten oder auch nur einem link. So kann es z.B. Sinn machen auch zu Infotainment zu greifen oder andere Social Media wie z.B. Facebook, YouTube etc. einzubinden. Die Kenntnis der Zielgruppe(n) spielt auch hier eine wichtige Rolle.

Last but not least

Jeder Blog ist so individuell wie ihre BetreiberInnen, der zugehörige Betrieb und die LeserInnnen des Blogs. Es hat Spaß gemacht mit verschiedenen BR-BloggerInnen über ihre Aktivitäten im Web 2.0 zu reden und/oder via Mail, Facebook etc. zu kommunizieren und ihre Zugänge zum Bloggen und zur Betriebsratsarbeit kennen zu lernen.

Ich möchte mich bei allen BetriebsrätInnen, die an der Befragung teilgenommen habe, bedanken. Natürlich auch bei denen, die zu einem Interview bereit waren, mit denen sich aber aus zeitlichen Gründen ein Interview nicht mehr ausgegangen ist. Danke auch an Christian Voigt und Werner Drizhal, der freundlicherweise die formale Betreuung der Arbeit übernommen hat. 🙂

Methodik und Ziele der Studie

Die Studie wurde im Rahmen einer Bachelorarbeit für den berufsbegleitenden Studiengang Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Fachhochschule Burgenland, durchgeführt. Der vollständige Titel der Arbeit lautet „Web 2.0 im Unternehmen. Chancen und Risiken von Web 2.0 und Weblogs für die Betriebsratsarbeit“.

Methodisch handelt es sich um eine qualitative Studie in Form von leitfadengestützten Interviews mit (halb)offenen Fragen, die mit sechs bloggenden BetriebsrätInnen im Zeitraum vom 20. Juli bis 2. August entweder persönlich oder via Internet (eMail bzw. Facebook) wurden. Die Daten wurden anonymisiert, teilweise auf Wunsch der Befragten.

Ziele der Studie waren herauszufinden, welche Chancen und Risiken mit dem Betreiben eines Betriebsrats-Weblogs und/oder sonstigen Aktivitäten im Web 2.0 verbunden sind bzw. ob und inwieweit sich die Kommunikationsbedingungen im Hinblick auf die Zielgruppen der Betriebsratsarbeit ändern.

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